“Magst du auf eine Kaffee vorbeikommen und die Fotos von meinem letzten Urlaub sehen?”, diese oder ähnliche Fragen waren in Zeiten, in denen unser Alltag größtenteils noch analog gestaltet war, nicht ungewöhnlich. Mittlerweile dokumentieren wir unsere Reisen digital und posten die Bilder online in sozialen Netzwerken wie Instagram. Gefragt, ob jemand unsere tollsten Urlaubsmomente überhaupt sehen möchte, wird dabei eigentlich nicht mehr. Diese Entwicklung unserer Gewohnheiten hat sich in eine Tendenz verwandelt, die in den letzten Jahren den Tourismussektor weltweit aufgescheucht hat: Instagram Tourismus.
Was versteht man unter Instagram Tourismus?
Neutral formuliert, versteht man unter Instagram Tourismus mittlerweile folgendes: Urlauber, die an häufig eher entlegene oder nicht allzu sehr bekannte Orte reisen, ihre Entdeckungen in Form von Fotos oder Videos festhalten und diese in den sozialen Netzwerken teilen. Diese Orte werden dadurch immer bekannter, wodurch sich immer mehr Reisende auf den Weg machen, um ebenfalls ein solches Foto für den eigenen Feed zu schießen. Bei der Reise geht es in diesen Fällen nicht mehr so sehr um das Erlebnis an sich, sondern um das Foto oder Video, das anschließend auf Instagram & Co. geteilt wird.
Tatsächlich entwickeln sich immer mehr Reisende zu selbsternannten oder auserkorenen Fremdenführern. Sie teilen ihre Urlaubserinnerung in Form von idyllischen Fotos auf Instagram (und auch anderen Plattformen), wobei oft abgelegene Ecken in der Natur, aber auch Hotspots in Städten gepostet werden. Diese können allem Anschein auf dem Foto nach ganz ungestört genossen werden. Ruhe, Entspannung, Auszeit… solche und ähnliche Wörter stehen meist in der dazugehörigen Beschreibung - mit Angaben zur Lage und wie man auf schnellstem Wege zur Traumkulisse gelangt.
Häufig handelt es sich bei den Autoren der digitalen Reisetipps um Influencer. Also Persönlichkeiten, die eine große Anzahl an Followern haben und mit ihren Posts Leser weltweit erreichen. Wie der Name schon sagt - Influencer bedeutet wörtlich übersetzt Beeinflusser - ist ihre Meinung sehr gefragt und einiges Wert. So viel, dass viele Reisedestinationen sie mittlerweile schon beauftragen, um über Ausflugsziele etc. zu berichten und somit weitere Besucher anzulocken. Es hat sich praktisch ein eigener Werbekanal aus diesem Phänomen entwickelt.
Foto von Jakob Owens auf Unsplash
Welche Vorteile bieten soziale Netzwerke für den Tourismussektor?
So weit, so gut. Dieser neue Trend scheint ja, wie so viele digitale Entwicklungen, eine Menge Vorteile zu bringen. Authentische Bewertungen von echten und (theoretisch) neutral eingestellten Personen über Orte, Naturparke, Lokale usw. sorgen schließlich für mehr Besucher an eventuell eher abgeschotteten Reisezielen, die sonst gar nicht erst auf dem Radar von vielen Touristen erscheinen würden. Das sorgt im Idealfall auch für einen wirtschaftlichen Aufschwung an diesen Orten, schließlich heißen mehr Menschen ja auch mehr Kunden in Geschäften, Unterkünften, Restaurants, Bars oder Cafés. Und das wiederum sorgt für mehr Arbeitsplätze. Tourismusverbände haben dadurch die Chance, gezielt die Besucherströme zu lenken, da sie Influencer beauftragen können, über Ecken zu berichten, die eventuell einen kleinen Schub ganz gut gebrauchen könnten. In der Theorie hört sich das doch super an, oder?
Negative Konsequenzen des Instagram Tourismus
Die Realität sieht allerdings meist ganz anders aus. Wie so viele Dinge im World Wide Web sind auch die Ausmaße des Instagram Tourismus eher schwer zu kontrollieren und der Schneeballeffekt ist vielerorts überwältigend. Zum einen posten Influencer oder auch solche, die es noch werden wollen, nicht nur nach Auftrag über bestimmte Orte, sondern auch ungefragt über versteckte Perlen, die manch einer lieber im kleinen Kreise halten möchte.
Foto von engin akyurt auf Unsplash
Gerade anhand von Naturräumen und natürlichen Monumenten, wie oben auf dem Foto zu sehen, lassen sich die negativen Folgen dieser neuen Art des Tourismus leider sehr deutlich verspüren. Wenn beispielsweise auf Fotos menschenleere Strände zu sehen sind, zeigt die Realität häufig genau das Gegenteil. Sitz die Reisende beispielsweise wirklich ganz alleine vor diesem beeindruckenden Felsen in Thailand? Meist ist im Hintergrund mittlerweile eine lange Schlange von “Instagrammern” zu sehen, die darauf warten, dass sie an der Reihe sind.
Versteckte Ecken in den Bergen, im Wald, an Seen oder anderen Plätzen in der Natur, die ursprünglich tatsächlich sehr idyllisch waren, werden mittlerweile von Besucherströmen aufgesucht, die den Trend des Instagram Tourismus vielerorts untragbar machen. In Naturschutzgebieten werden ausgeschilderte Pfade, die dazu dienen Flora und Fauna zu bewahren, häufig ignoriert, der Anteil an Besuchern, die bewusst reisen und beispielsweise ihren Müll korrekt entsorgen, wird immer geringer und auch Lärmstörung und steigender Verkehr ist ein immer ernster zu nehmendes Problem. Viele Reisende respektieren in diesem Sinne weder die Umwelt noch die Einwohner, für die erhöhten Besucherzahlen gibt es häufig keine Kapazitäten und generell profitieren nur wenige von dieser Art des Tourismus. Statt den Ort und die Umgebung zu genießen und lokal zu konsumieren kommen viele Instagrammer tatsächlich nur um das Foto zu schießen, anschließend reisen sie ganz einfach wieder ab.
Foto von Mika Baumeister auf Unsplash
Da die in sozialen Netzwerken präsentierten Orte immer gefragter werden, steigen häufig die Lebensunterhaltungskosten vor Ort, was verständlicherweise für Unmut bei Anwohnern sorgt, da diese meist selten von dem extremen Besucheransturm profitieren. Was das zur Folge hat? Die Stimmung kippt, Besucher werden weniger freundlich empfangen und Einwohner sehen sich in manchen Fällen sogar gezwungen, sich einen anderen Wohnort zu suchen. Zudem können Sie selbst ihre “Secret Spots” mittlerweile nicht mehr genießen. Das passiert nicht nur in der Natur, sondern auch in Städten, wie beispielsweise Venedig oder Amsterdam. Viele Destinationen sehen sich immer häufiger gezwungen, den Zugang zu Naturschutzgebieten oder charakteristischen Ecken komplett zu sperren oder Eintritt zu den gefragten Kulissen zu verlangen.
Amsterdam hat beispielsweise die Zahl der maximalen touristischen Übernachtungen im pro Jahr eingeschränkt. Der Nationalpark Berchtesgaden in Deutschland, mit einem wundervollen Wasserfall und Naturpools, musste zum ersten Mal seit seinem Bestehen (1978) geschlossen werden. Dasselbe gilt für das Basecamp des Mount Everests, das die Regierung 2019 beschloss, zu schließen, um die acht Tonnen Müll, die sich durch die zunehmenden Besucherzahlen dort angesammelt haben, aufzuräumen.
Gibt es Möglichkeiten, den Problemen entgegenzusteuern?
Wie bereits erwähnt, gibt es im digitalen Umfeld viele Grauzonen und Schwierigkeiten, bestimmten Strömungen entgegenzuwirken, vor allem, da sich Informationen in kürzester Zeit grenzenlos ausbreiten können. Das können wir anhand von digitalen Tendenzen wie Deepfakesdie seit der Ära der für jeden zugänglichen künstlichen Intelligenz immer häufiger zu sehen sind, beobachten, genauso wie an den Herausforderungen, die es bezüglich Tools wie ChatGPT und dem Thema Copyright gibt.
Auch bei Instagram Tourismus handelt es sich um ein Phänomen, das sehr wahrscheinlich gekommen ist, um zu bleiben, und da immer mehr Firmen aus dem Tourismussektor auf diesen Kanal setzen, um für sich zu werben, lässt es sich auch nur noch schwer ignorieren. Da es jedoch abgesehen von Herausforderungen auch Chancen bietet, muss man das vielleicht auch gar nicht. Wichtig ist zum einen, dass die zuständigen Institutionen auf ein nachhaltiges Tourismusmodell setzen. Das bedeutet laut dem Verband für nachhaltigen Tourismus, dieses nachhaltig zu gestalten und “die positiven Effekte des Tourismus sinnvoll zu nutzen und seine negativen Auswirkungen so weit wie möglich zu reduzieren”, indem auf drei Grundprinzipien gebaut wird:
- Ökologisch tragfähig
- Ethisch und sozial gerecht sowie kulturell angepasst
- Wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig
Abgesehen von den entsprechenden Rahmenbedingungen vor Ort, muss selbstverständlich auch am Bewusstsein und der Aufklärung der Reisenden gearbeitet werden. Das ist wahrscheinlich tatsächlich die größere Herausforderung. Wenn wir all die wunderbaren Orte dieses Planeten auch weiterhin genießen möchten, liegt es an uns, sie zu bewahren, indem wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen.


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